Bundesministerium fuer Unterricht, Dr. Alfred Brodil 1958



(Auszug)

Vor wenigen Tagen ging meinem Amt ein Bericht einer politischen Vertretung unseres Landes in einer Volldemokratie zu. Dieser Bericht beschaeftigt sich mit dem dort zutage getretenen Problem der "Halbstarken" und der Exzesse von Jugendlichen. Aus verstaendlichen Gruenden unterlasse ich die Namensnennung, soweit es ohne Verstuemmelung des Berichts moeglich ist.
Der Gesandte schreibt: Die Erschuetterung die die berichtete Serie von Gewalttaten ausgeloest hat, ist noch immer nicht abgeklungen. Die Ueberraschung bei den staatlichen Stellen ist umso groesser, als man Mahnungen von berufener Stelle in frueherer Zeit wiederholt in den Wind schlug. Nach dem politischen Umsturz hat man die Jugendgerichtshoefe und die Anstalten fuer Jugendliche mit der Begruendung aufgeloest, dass sie nun nicht mehr notwendig seien, da die Jugenkriminalitaet nur auf ein verfehltes politisches und oekonomisches System zurueckzufuehren sei. Nunmehr sieht sich die Regierung im Hinblick auf die steigende Jugendkriminalitaet gezwungen, in einem Gesetz gegen die jugendlichen Verbrecher eben dieselben nach dem Umsturz abgeschafften Einrichtungen nicht wieder einzufuehren, sondern strenger als vorher zu gestalten. Hier ist davon die Rede, dass neben den Massnahmen der Gerichtsbehoerde auch wieder jene in Gang gesetzt werden, die man als die administrative Korrektion bezeichnet. Das sind Erscheinungen des oeffentlichen Leben, die wir aus eigener Anschauung in naechster Umbebung so genau kennen, das wir uns auf ihre naehere Definition nicht mehr einlassen.
Sehr geehrte Damen und Herren, ich sage es hier noch einmal: alles das dient uns nicht zur Beruhigung und nicht zur Feststellung, wir haetten es nicht schlechter gemacht als die anderen, sodass wir uns ueber das hierzulande in Erscheinung tretende Phaenomen nicht zu schaemen brauchten. Ich moechte die in aller Welt auftretende Gefahr hier und damit auch vor einen gewissen Kreis der Oeffentlichkeit des Landes so krass herausstellen, wie es die nun einmal gegebene Situation verlangt.
Herrn Professor Helmut Schelsky hat mit einen Werk, das vor Weihnachten 1957 der Oeffentlichkeit uebergeben wurde, und das den herausfordenden Titel "Die skeptische Generation" traegt, allen, die mit den Fragen dieser Tagung beschaeftigt sein moegen, jenes Wort der Herausforderung ins Gesicht geschleudert, das notwendig ist, und dafuer moechte ich ihm auch als einer der Herausgeforderten herzlichst danken. Ich moechte ihm vor allem danken, dass es ihm gelungen ist, bei einer Arbeit, die nach streng wissenschaftlichen Grundsaetzen aufgebaut ist und in der daher die Systematik der wissenschaftlichen Ordnung, wie es an einzelnen Punkten sichtbar wird, den Gemuetsbewegungen des der Jugend zutiefst verhafteten Menschen und den eigenen Erfahrungen arge Fesseln anlegt, doch Seite fuer Seite jene warme Menschlichkeit verspueren zu lassen, von der ich wuensche, dass sie auch in diesen Saal, wo die Sachberatungen nach dem ernsten Gesetz der Wissenschaft und der Paedagogik vor sich gehen sollen, zu Hause sein sollte.