1962 Arbeitstagung für Heimerzieherinnen



Beiträge zur Erziehung in Kinderheimen

Sonderheft IV u. V der Schriftenreihe Der Fürsogeabteilung des Amtes der O.Ö. Landesregierung
Geleitwort Die in dieser Broschüre gebrachten Aufsätze halten ziemlich wortgetreu den Inhalt von Vorträgen fest, die anläßlich der vierten und fünften Arbeitstagung für Heimerzieherinnen im O.Ö. Landesheim Schloß Leonstein jeweils im November der Jahre 1962 und 1964 gehalten wurden.Die mit freundlicher Genehmigung der Autoren erfolgte Drucklegung geschah zu dem Zweck, um jenen Erzieherinnen, die infolge Unabkömmlichkeit vom Dienst nicht persönlich an den Tagungen und Aussprachen teilnehmen konnten, wenigstens in dieser Form das gesprochene Wort zu vermitteln. Aber auch den Tagungsteilnehmern wird dieses Heft mehr sein als eine Erinnerung. Seine Lektüre soll das erziehende Wissen und Handeln vertiefen und festigen und wird Anregung bieten zu fachlicher Diskussion bei Dienstbesprechungen.Linz, i,m August 1966W., Hofrat Dr. Gottfried Schopper Leiter der Abteilung Fürsorge

Dr. Johanna Hauke, Mödling


Heimkinder und Eigentumsbegriff

Heimkinder haben sehr wenig persönliches Eigentum und es wird als solches von ihnen kollektiv erlebt. In der Familie weiß jedes Kind, was ihm gehört und die Mutter mahnt auch gelegentlich zum Respekt vor dem Eigentum des anderen. Wie weit geht der persönliche Bereich des einzelnen Kindes im Heim?Er beginnt bei den Schätzen im Nachtkastel, wo oft die Quargel herausriechen und reicht, wenn es gut geht, bis zum verschließbaren Tagebuch oder der Kasette mit Vorhangschloß. Hierher gehört auch das Problem des mitgebrachten Spielzeuges und die Obsorge dafür. Die ganzen heiklen Sachen sind so zu verwahren, daß sie nicht beschäftigt werden können und hinsichtlich der anderen Spielsachen sollte man dafür sorgen, daß alle Kinder irgendwas besitzen, mit dem sie Freude haben. Das Gefühl des Benachteiligtseins beim Kind genügt bereits, um Schwiriegkeiten zu haben-auch wenn dieses Gefühl objektiv nicht zutrifft. Wenn etwas den Spielsachen passiert, sie nicht achtlos beiseiteschieben, sondern liebevoll behandeln und reparieren. Später kommt dann die Tauscherei, die oft krasse Formen annimmt.

Kommt man ohne körperliche Züchtigung in der Heimerziehung aus?

Das Hinhauen ist eine Primitivreaktion, und wer sich diese leistet, hat von vorneherein auf eine feinere Erziehung verzichtet. Prinzipiell ist es ja auch verboten und dies nicht richtig.Im Heim bietet sich unter Umständen die Schwierigkeit, daß Kinder kommen die gewohnt sind geschlagen zu werden und auf nichts anderes reagieren, als auf die körperliche Züchtigung. Daraus aber ersieht man schon, wie Schläge jede differenzierte Erziehung erschweren oder unmöglich machen.Speziell durch eine körperliche Züchtigung wird man in 99 Fällen von 100 etwas verschütten in dem Kind und im Heim ist dies noch ärger als in der Familie, denn im Heim geht doch immer irgendwie der Kampf um die Zusammengehörigkeit mit dem Kinde.Durch eine lieblose Behandlung-und eine körperliche Züchtigung wird immer als Lieblosigkeit empfunden- wird aber diese Zusammengehörigkeit gestört oder überhaupt in Frage gestellt.

Wir müssen das Selbstständigkeitsstreben dieser Kinder fördern und geduld haben, wir brauchen nicht Staat machen, wir können auf äußere Erfolge verzichten, aber es soll etwas werden aus den Kindern- wie es eben eine gute Mutter macht. Denn das Kind dieses Alters braucht die Geborgenheit, es braucht nicht die Liebkosung, denn die ist oft unrecht oder ungerecht, aber jedes Kind muß sich bei der Erzieherin verstanden und geborgen wissen und das fängt an bei den Dingen der Alltagsroutine, beim Essen, Schlafen und der Reinlichkeit.Beim Essen nicht zwingen!Die Kinder an der Beobachtungsstation dürfen sagen: „Bitte viel, bitte wenig“. Beim gesunden Kind verdirbt nichts so sehr den Appetit als das Zwingen. Das Essen soll eine Freude sein für das Kind und Sie müssen sehen oder ein Gefühl dafür haben, ob das Kind wirklich leidet oder nur ungezogen ist.Hierher gehört auch das Kapitel Tischmanieren. Zum Schlafengehen gehört, daß Sie noch eine Geschichte erzählen, auch die Puppe oder der Teddybär wird vorher vom Kind schlafen gelegt.Wir sollen uns an das Bett des schwierigen Kindes setzen und bei Bett- oder Hosennässern vor allem keine Angst erwecken. Denn das sind ja die neurotischen Kinder, und jede Angst steigert nun wieder die Schwäche und es geht ins Uferlose.

Dr. Klaus Heller, Baden

Wenn wir uns nun den äußeren Voraussetzungen zur erfolgreichen Gruppenpädagogik im Heim zuwenden, so gilt es zuerst die richtige Gruppengröße zu bemessen. Die Faustregel heißt: bis zum 10. Lenensjahr etwa 10 Kinder pro Gruppe, sonst 15, nie aber über 15 Kinder!Außenseiter müssen unter Berücksichtigung ihrer „Stärken“ in den Gruppenprozeß eingegliedert werden, indem ihnen Aufgaben übertragen werden, weder über noch unterfordernd, welche ihnen die Anerkennung von seiten der Kameraden eintragen. Offene Aussprachen oder die Übertragung einer Helferrolle an eine Schlüsselperson ist bei Aussenseitern nur unter bestimmten Umständen möglich, aber die Behebung von Kontaktschwierigkeiten sollte sich der Erzieher zur vordringlichen Aufgabe machen.Der autoritäre Führungsstil herrscht vor, wenn der Erzieher allein alle grundsätzlichen Entscheidungen trifft, die Aufgaben und (Teil) Ziele bestimmt, die Aktionspartner einander zuweist und auf eher persönlicher Basis lobt und kritisiert. Die Auswirkungen dieses Führungsstiles zeigen sich im Gruppenverhalten: es ist untertänig, ergeben, befliessen, humorlos, oft unsicher und verdeckt. Eine Wirbildung erfolgt nur ansatzweise, ebenso die soziale Rollenverteilung. Es gibt bei ihm viele Außenseiter und „Prügelknaben“, wenig Entscheidungsfreiheit für die Gruppe und eine deutliche Grenze zwischen Gruppe und dem Erzieher. Eine relativ hohe Unselbstständigkeit wird spürbar, mehr Angst als Vertrauen.Der Jugendlichen braucht da und dort eine Leitlinie für sein Leben, er muß sich mit jemand indentifizieren können. Noch wichtiger als die Tatsache, daß den Jugendlichen „vorgelebt“ werden muß, ist-daß mit ihnen etwas getan wird. Ob ein Jugendlicher sich als Leitlinie etwa die Lederweste des Presley, die Haare der Beatles oder extreme Bergwanderungen sucht, richtet sich auch danach wie sehr der Erzieher selbst über ein Inventar von geistigen Möglichkeiten verfügt. Wenn er nichts tut, wird den Kindern „so fad“. Versteht er es aber den ungezüngelten Lebenshunger in eine sinnvolle Bahn zu bringen, dann reagieren die Jugendlichen auch dementsprechend. „Unser Erzieher ist klaß!“- „Unsere Gruppenleiterin ist Leinwand“, „Er (oder sie) tut etwas mit uns!“ Jugendliche die sie so benennen, geben Ihnen damit eine Auszeichnung.Wir kennen ja alle das leidige Problem, daß Erzieher gern nach dem Schema 08/15 ihren Dienst ablaufen lassen, daß sie froh sind, wenn der Dienst aufhört; diese „Pädagogen“  sind meist selbst in der Pubertät steckengeblieben. Die gelockerte, aufgeschlossene und humorvolle Persönlichkeit ist gerade für den pubertierenden Jugendlichen das ideale Leitbild. Sein eigener Humor und Frohsinn sollten geweckt und gefördert werden. Humor ist nämlich eine Eigenschaft, die man wohl anlagebedingt haben muß, die man sich aber auch zu einem Gutteil aneignen kann.Es ist gar nicht so leicht, Kinder untereinander zur richtigen Form des Sprechens zu bringen, besonders in der großen Gruppe fehlt der Kontakt und das Kind ist überfordert. Sollen nun die Kinder während des Essens sprechen dürfen?Man soll nicht mit vollem Mund sprechen, aber vollkommenes Stillschweigen wäre ebenso falsch. Die wohltemperierte Stimmung ist es, die den beiden Extremen als positive Situation entgegensteht.

Dr. Werner Steinhauser, Leiter der Abteilung psychologischerHeimbetreuung des Magistrates Wien

Anpassungsgeschädigte und gestörte Kinder haben ein Recht auf Hilfe durch die Gesellschaft oder mit anderen Worten: die Gesellschaft hat geradezu die Pflicht, solchen Kindern moralische und rechtliche Hilfe angedeihen lassen. Diesen Rechtsanspruch kann man ohne weiteres Produkt der abendländischen, durch die Grundsätze der christlichen Religion beeinflußten Kulturentwicklung ansehen. Eine andere Überlegung ist die, daß die Sozialarbeit nicht nur eine Versorgung bedeutet, daß sie auch nicht nur in der Berentung besteht, sondern daß, wenn immer es möglich ist, diesen behinderten Menschen die normalen Chancen des Lebens und Verdienens geboten werden müssen, damit sie aus ihren behinderten Leben herausgehoben und in der Duchschnittsgesellschaft integriert werden.